2026 | 04 Morbus Parkinson

Wissenschaft
Bewegung als Medizin: Einfluss auf Symptomatik, Lebensqualität und Krankheitsverlauf bei Menschen mit der Parkinson-Krankheit – Emily Leah Fitzgibbon, Elke Kalbe, Ullrich Wüllner, Michael Sommerauer
Tischtennis gegen das Zittern – Warum kann regelmäßiges Tischtennistraining den Symptomen von Morbus Parkinson entgegenwirken? – Timo Klein-Soetebier, Robert Stojan
Praxis
Kickboxen bei Parkinson – ein bewegungstherapeutischer Ansatz – Beate Schönwald, Jorien Kroeger
Tanzen – mit und gegen Parkinson – Kristina van Eyck
Die BVPG: ein starkes Netzwerk für Prävention und Gesundheitsförderung – Rene Streber
Editorial
Bewegung als Medizin – neue Perspektiven für Menschen mit Parkinson
Die Parkinson-Krankheit zählt zu den häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen und stellt Betroffene, Angehörige und das Gesundheitssystem vor große Herausforderungen. Während die medikamentöse Therapie nach wie vor eine zentrale Säule der Behandlung darstellt, hat sich in den vergangenen Jahren ein bemerkenswerter Wandel vollzogen: Bewegung wird heute nicht mehr ausschließlich als ergänzende Maßnahme betrachtet, sondern zunehmend als wesentlicher Bestandteil einer modernen, ganzheitlichen Parkinsontherapie. Dies zeigt sich auch in der umfangreichen Berücksichtigung nicht-pharmakologischer Therapien – allen voran Bewegungsinterventionen – in der neuesten Version der Parkinson-Leitlinien.
Das vorliegende Schwerpunktheft der Bewegungstherapie und Gesundheitssport widmet sich dieser Entwicklung aus unterschiedlichen Perspektiven. Die vier Beiträge im Zusammenhang mit Sport-/Bewegungstherapie und Parkinson zeigen eindrucksvoll, wie vielfältig, wirksam und alltagsnah Bewegungsinterventionen bei Parkinson gestaltet werden können. Gleichzeitig verdeutlichen sie, dass Bewegung weit mehr ist als Training motorischer Funktionen: Sie beeinflusst Kognition, Stimmung, Selbstwirksamkeit, soziale Teilhabe und möglicherweise sogar krankheitsmodifizierende Prozesse.
Den wissenschaftlichen Rahmen des Schwerpunktheftes bildet der Übersichtsartikel von Fitzgibbon und Kollegen. Die Autoren fassen den aktuellen Forschungsstand zu körperlicher Aktivität bei Parkinson zusammen und zeigen, dass Bewegung positive Effekte auf motorische Symptome, Mobilität, Balance und Gehgeschwindigkeit besitzt. Darüber hinaus profitieren auch nicht-motorische Symptome wie Depression, Schlafstörungen und kognitive Einschränkungen. Besonders hervorzuheben ist die zentrale Botschaft des Beitrags: Nicht die einzelne Trainingsform scheint entscheidend zu sein, sondern die regelmäßige und langfristige körperliche Aktivität. Individuelle Präferenzen und die Freude an der Bewegung sind dabei wesentliche Voraussetzungen für eine nachhaltige Umsetzung.
Der wissenschaftliche Artikel von Klein-Soetebier und Stojan widmet sich schließlich dem Tischtennis als sportartspezifischem Bewegungsangebot. Die Ergebnisse einer umfangreichen Befragung von Menschen mit Parkinson zeigen nicht nur wahrgenommene Verbesserungen motorischer Funktionen, sondern auch positive Effekte auf Konzentration, psychisches Wohlbefinden und soziale Interaktion. Besonders bemerkenswert erscheint der hohe Spaß- und Motivationsfaktor. Die Autoren verdeutlichen damit einen Aspekt, der für die langfristige Bewegungsadhärenz von zentraler Bedeutung ist: Menschen bleiben nicht nur deshalb aktiv, weil Bewegung verordnet wird und Symptome gelindert werden, sondern vor allem, weil sie Freude bereitet und sinnstiftend erlebt wird.
Wie unterschiedlich Bewegungsangebote gestaltet werden können, zeigen die zwei Praxis- und Anwendungsbeiträge dieses Heftes.
Van Eyck beschreibt das Tanzen als einen bio-psycho-sozialen Ansatz, der Bewegung, Musik, Emotion und soziale Interaktion miteinander verbindet. Der Beitrag macht deutlich, dass Tanzen weit über die Förderung von Gleichgewicht, Koordination und Mobilität hinausgeht. Rhythmus und Musik fungieren als externe Hinweisreize, die motorische Prozesse unterstützen können, während gleichzeitig kognitive Funktionen, Körperwahrnehmung und soziale Verbundenheit gestärkt werden. Tanzen wird damit zu einem Beispiel dafür, wie Bewegungstherapie Lebensqualität und Teilhabe fördern kann.
Einen weiteren innovativen Zugang eröffnet der Beitrag von Schönwald und Kroeger zum Kickboxen in der Parkinson-Tagesklinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Das Konzept verbindet koordinative Anforderungen, Gleichgewichtstraining, Reaktionsfähigkeit und funktionelle Kräftigung in einem motivierenden Gruppensetting. Besonders interessant ist die Verbindung von motorischen und kognitiven Anforderungen, die typische Herausforderungen der Parkinson-Erkrankung adressiert. Der Beitrag zeigt exemplarisch, wie kreative bewegungstherapeutische Konzepte den Therapiealltag bereichern können.
Trotz ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte verbindet alle Beiträge eine gemeinsame Erkenntnis: Erfolgreiche Bewegungsinterventionen bei Parkinson zeichnen sich nicht allein durch ihre physiologischen Wirkungen aus. Sie schaffen positive Bewegungserfahrungen, fördern soziale Teilhabe und ermöglichen Selbstwirksamkeit. Ob Tanzen, Kickboxen, Tischtennis oder klassische Trainingsformen – entscheidend ist, dass Betroffene eine Bewegungsform finden, die zu ihren Interessen, Fähigkeiten und Lebensumständen passt.
Für die Bewegungstherapie und den Gesundheitssport ergibt sich daraus eine wichtige Konsequenz. Die Zukunft liegt vermutlich weniger in der Suche nach der einen „besten“ Trainingsform, sondern vielmehr in der Entwicklung vielfältiger, attraktiver und individuell anpassbarer Bewegungsangebote. Die Aufgabe von Therapeuten, Trainern und Versorgungsstrukturen besteht darin, Menschen mit Parkinson-Krankheit den Zugang zu solchen Angeboten zu ermöglichen und sie langfristig auf ihrem Bewegungsweg zu begleiten.
Die Beiträge dieses Schwerpunktheftes liefern hierfür wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse, praxisnahe Beispiele und neue Impulse. Sie zeigen eindrucksvoll, dass Bewegung bei Parkinson weit mehr sein kann als Therapie: Sie kann Lebensqualität erhalten, Teilhabe ermöglichen und Menschen dabei unterstützen, ihre Erkrankung aktiv zu bewältigen.
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.
Univ.-Prof. Elke Kalbe und Univ.-Prof. Dr. Freerk Baumann