2026 | 03 Sport-/Bewegungstherapie in Leitlinien

Definition
Definition Sport-/Bewegungstherapie – DVGS e. V.
News
Neues DVGS-Präsidium gewählt – DVGS e. V.
Wissenschaft
Sport-/Bewegungstherapie als integraler Bestandteil in Leitlinien – Rollen und Aufgaben des DVGS e. V – Rene Streber, Maximilian Köppel, Stefan Peters, Gerhard Huber
Praxis
Professionalisierung: Qualifikationssystem Sport-/Bewegungstherapie DVGS – Arne Morsch, Angelika Baldus
Die KTL 2025 der Deutschen Rentenversicherung – Neuerungen mit Bezug zur Sport-/ Bewegungstherapie – Rene Streber
DVGS beteiligt am Aktualisierungsprozess der Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung – Angelika Baldus
„Dream-Teams bewegen“ – Ergebnisse der 5. Fachtagung Bewegungstherapie – Lukas Born, Rene Streber, Jörg Heimsoth, Andrea Reusch, Meike Hoffmeister, Stephan Klinkel, Susanne Saal, Ulrike Worringen, Wolfgang Geidl, Klaus Pfeifer, Silke Brüggemann, Gorden Sudeck
Editorial
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
„Daß die Welt im ganzen immer zum Besseren fortschreite…“ Gewichtige Themen wie in diesem Heft erfordern solch gewichtige Gewährsleute wie Imanuel Kant. Für ihn war die Geschichte eine Abfolge von Entwicklungen, die immer und beständig zu einem Fortschritt für die Menschheit führen. Jede Nachrichtensendung macht klar, dass dies seit viel Jahren nur noch selten der Fall ist.
Eine bemerkenswerte Ausnahme und Beispiel für kontinuierlichen Fortschritt bildet unser Thema, die Sport-/Bewegungstherapie. Die vergangenen 45 Jahre brachten innovative Entwicklungen und Erkenntnisse, die dramatische Fortschritte für dieses Gebiet einleiteten und es auf ein höheres Niveau führten. Insbesondere waren dies
- eine umfassende Evidenzbasierung
Zahlreiche nationale und internationale Studien belegten mit etablierten Forschungsdesigns und großen Stichproben die gewaltigen therapeutischen Potentiale von geeigneten Bewegungsprogrammen zur Behandlung zahlreicher Krankheitsbilder und schufen damit eine solide Wissensbasis. - eine Erweiterung der sport-/bewegungstherapeutischen Indikationen
Sport-/Bewegungstherapie hatte zu Beginn nur ein Indikationsgebiet: die Herz – Kreislauferkrankungen. Nicht zuletzt durch die zahlreichen Studien haben sich die Indikationsgebiete drastisch erweitert und umfassen nun fast das ganze Spektrum der International Classification of Diseases an Health related problems (ICD10). Bemerkenswert ist hier besonders die Akzeptanz bei der Behandlung von psychischen Problemen, womit sich die Sport-/Bewegungstherapie als biopsychosoziale Intervention etabliert, deren Wirkungsspektrum weit über die simplen somatischen Effekte hinausgeht. - eine differenzierte Kenntnis der Wirkmechanismen und die daran angepasste Optimierung der Interventionen
Wir befinden uns mitten in einer stürmischen Forschungsphase, die uns erstmalig zeigt, dass das einfache Gesundheitsversprechen der körperlichen Aktivität vom Körper viel mächtiger und komplexer eingelöst wird, als wir uns dies noch vor wenigen Jahren vorgestellt haben. Als Beispiel seien hier nur die wachsenden Erkenntnisse über die Myokine und Exerkine genannt und deren Auswirkungen auf Interventionen.
Aber die umfassende Wirkung und Anwendbarkeit und die scheinbare Trivialität der Anwendung der Sport-/Bewegungstherapie provoziert Vereinfachungen und Begehrlichkeiten, die für die zukünftige Weiterentwicklung und die Effektivität eher schädlich sind. Dazu gehören:
- die unzulässige und falsche Reduzierung der Sport-/Bewegungstherapie auf Kraft- und Ausdauertraining
Sport-/Bewegungstherapie bietet eine fast unbegrenzte Zahl von Interventionsformen in unterschiedlichen „Dosierungen“, Kombinationen, Verknüpfungen und zeitlichen Abläufen. Dass diese Vielfalt für Forschungszwecke verkürzt, normiert und reduziert wird, ist noch plausibel. Aber nicht, dass die gesamte Vielfalt der therapeutischen Möglichkeiten auf einfache Kraft – und Ausdauerbelastungen reduziert wird, wie dies immer häufiger geschieht, besonders bei monodisziplinären medizinischen Studien. Dies ist völlig falsch und steht im krassen Widerspruch zu den biopsychosozialen Wirkmechanismen. Therapeutische Interventionen orientieren sich immer am spezifischen Gesundheitsproblem und am Patienten und nicht auf der Verordnung von Kraft- oder Ausdauereinheiten mit der Hoffnung auf eine Wirkung. - Invasive Berufsgruppen ohne ausreichende spezifische Qualifikation
Diese Entwicklung steht auch im Zusammenhang mit der oben genannten Trivialisierung. Die Umsetzung eines einfachen Trainingsprotokolls kann „ja nicht so schwer sein“. Die weite Verbreitung von Laien oder Übungsleitern im Fitnessstudio oder Verein dient dazu als Beleg. Es bedarf aber weitaus mehr um für kranke Menschen, die oft nicht übermäßig motiviert sind, die Art von Bewegungsintervention zu konzipieren und um zusetzten, die angemessen sind für die bestehenden Einschränkungen und für ihre Gesundheit und Lebensqualität den größtmöglichen Nutzen entfalten. Ohne ausreichende Qualifikation werden die Potentiale der Sport-/Bewegungstherapie nicht erschlossen. - Schleppende Integration in das Gesundheitssystem
Es ist verständlich, wenn neue therapeutische Ansätze nicht gleich feste Bestandteile des Gesundheitssystems werden. Allerdings muss der Evidenz die Integration in die Versorgung zwingend folgen, vor allem wenn der antizipierte Mehrwert deutlich höher ist als die kalkulierten Kosten. Dies ist eine klare gesundheitspolitische Aufgabe. Eigentlich einfach, aber dazu muss das Konstrukt von Arzt und der etablierten Verordnung zu Heilmittelerbringer neu strukturiert werden.
Bleibt in der Konsequenz eine erhebliche Diskrepanz zwischen der vorliegenden erdrückenden Evidenz und einer noch defizitären Integration in das Gesundheitssystem. Daraus resultiert eine Unterversorgung. Die Beiträge in dieser Ausgabe liefern hervorragende Argumentationen, um diese Unterversorgung abzubauen. Benutzen sie dies für ihre Kommunikation, es wird ihr professionelles Selbstverständnis stärken und vielleicht gelangt es ja auf diesem Weg ins Gesundheitsministerium.
Gerhard Huber